Die Plünderung historischer Stätten Irans

Dr. Manouchehr Moshtagh Khorasani
 

Das archäologische Erbe der Menschheit ist in Gefahr: 2007 bedrohen Feuer das antike Olympia, 2008 erreichen uns Nachrichten von den Kriegsfolgeschäden im irakischen Ur, 2009 wehren sich Anwohner und Archäologen gegen die Zerstörung zahlreicher historischer Stätten im Zuge des Ilisu-Staudammprojekts. Doch sind dies keine Einzelschicksale: Weltweit werden archäologische Stätten geplündert und unwiederbringlich zerstört. Aus dem Iran berichtet Dr. Manouchehr Moshtagh Khorasani.

 

Die zufällige Entdeckung einer Grabstätte in Luristan im Jahre 1930 mit zahlreichen Bronzegegenstände führte noch bevor Archäologen die Chance hatten, dieses Grab wissenschaftlich auszugraben und zu untersuchen, zu vielen illegalen Ausgrabungen in der Region. Raubgräber durchwühlten den Boden, um Grabbeigaben sowie weitere prähistorische und historische Gegenstände auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen. Dabei zerstörten sie – archäologisch nicht ausgebildet und nur mit dem Ziel schneller Beute vor Augen – wertvolle archäologische Informationen. Die Mehrheit der Bronzegegenstände, die im Westen heute als Luristan-Objekte bezeichnet werden, stammt daher aus illegalen Ausgrabungen. Ihr eigentlicher Ursprung wurde zumeist verschleiert und phantasievolle wie ungenaue Namen, die Nihavand, Luristan, Amlash, Talesh oder Azarbaijan als Ursprung dieser Artefakte angegeben, sollten die Spuren beseitigen.

 

Die Plünderung der historischen Stätten Luristans im Iran dauert leider bis in heutige Zeit an. Am 5. November 2006 berichteten Medien, dass ein 3.000 Jahre alter Bronzedolch zufällig in Sang-e Tarashan in der Nähe von Khoramabad entdeckt wurde, als Schafe eine von Archäologen betreute Baugrube passierten. Der 24 cm lange, eisenzeitlich datierte Bronzedolch wurde der Cultural Heritage Organization of Iran vom dortigen Wachpersonal übergeben und Archäologen begannen mit systematischen Ausgrabungen, um diese Anlage vor weiteren Plünderungen zu schützen. Obwohl bereits 40 Prozent des Geländes von Raubgräbern geplündert worden waren, musste man die wissenschaftliche Erforschung einstellen, da Finanzmittel zu weiteren Ausgrabungen fehlten. Dennoch konnten die Archäologen während dieser Zeit mehr als 400 Bronzeobjekte ausgraben, die Sang-e Tarashan zu einer der wichtigsten historischen Stätten Irans machen.

 

Auch Teile der historischen Ebene Susan im Südwesten der iranischen Provinz Khuzestan sind von tiefgreifenden Zerstörungen betroffen: Am 13. November 2006 wurden dort vier Schächte beobachtet, die Plünderer in der Nähe von Izeh, das als Ursprungs- und  Hauptort der Elamiten gilt, ausgehoben hatten. Diese Siedlungsspuren um Izeh sind 4.000 Jahre alt und es wird dort eine Festung vermutet. Die Raubgräber hoben unter anderem einen 9 m langen Tunnel aus, um an Artefakte aus dem Choqha-Hügel zu gelangen. Mehr als 80 Mal wurden die archäologischen Orte dieser Region in den letzten 15 Monaten geplündert. Diese traurige Tatsache macht aus der Provinz Khuzestan die am meisten von illegalen Ausgrabungen betroffene Provinz Irans.

 

Weitere historische Stätten dieser und anderer Regionen, die als eines der wichtigsten Kulturerbe des Landes bezeichnet werden, sind ebenfalls von Zerstörung bedroht – darunter die Grabhügel Abuzar, Khaledabad, Helabad und Sefid. Knapp einen Monat nach der Entdeckung des Bronzedolchs von Sang-e Tarashan mussten am 1. Dezember 2006 die archäologischen Ausgrabungen der in die Eisenzeit datierten Nekropole Babajilan in der Provinz Luristan wegen starken Regens und Schnees eingestellt werden. Die Ausgrabungen in dieser bergigen Gegend sind extrem schwierig. Während die Archäologen sich aus der Gegend zurückzogen, wurden die illegalen Grabungen fortgesetzt. Eine große Anzahl Bronzeartefakte, die sich in den Gräbern befanden, wurden dabei zerstört.

 

Bereits im Sommer desselben Jahres zeigte sich, worin das größte Problem lag – im fehlenden Schutz der Stätten: Am 29. August 2006 wurde berichtet, dass Mangel an Wachpersonal zu Raubplünderungen der prähistorischen Stätten in Natanz in der Provinz Isfahan geführt hatte. Diese Stätten, darunter Arisman, Milajerd, Qale-Gusheh und Badroud wurden von iranischen und ausländischen Archäologen bereits einige Male in der Vergangenheit erforscht und in die Zeit um 4.000 v. Chr. datiert.
Leider ist die Situation heute trotz ständiger Überwachung die durch Iranian Cultural Heritage and Tourism Organization noch immer nicht unter Kontrolle, da weiterhin illegale Ausgrabungen stattfinden. Am 20. Januar 2007 berichtete die State Cultural Heritage Guards Unit (CHGU), dass in den vorangegangen 12 Monaten mehr als 15.000 Artefakte Schmugglern im Iran entzogen werden konnten. Mehr als 91 internationale Banden wurden 2007 festgenommen. Man prophezeite daher einen Rückgang dieser kriminellen Aktivitäten. Identifiziert wurden die Banden als sie Stein- und Glaswaren aus Jiroft, Provinz Kerman im Süden Irans, illegal auf dem internationalen Kunstmarkt zum Verkauf anboten. Mit Hilfe iranischer Behörden und des British Museum, London, wurden diese Artefakte in den Iran zurückgebracht, bevor die Schmuggler die Chance hatten, sie auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen. Am 22. Dezember 2007 entschied ein Berufungsgericht in London die Rückgabe von 18 Artefakten aus Jiroft, die in einer Londoner Gallerie verkauft werden sollten, an iranische Behörden. Ursprünglich hatte das London's High Court die Eigentümerschaft Irans über diese 5.000 Jahre alten Artefakte im März 2007 abgelehnt. Der Schmuggel von geraubten Artefakten aus Jiroft geht auf das Jahr 2004 zurück, als HM Customs and Excise am Flughafen Heathrow 118 Artefakte aus Jiroft konfisziert hatte. Diese Artefakte wurden im März 2005 in den Iran zurückgebracht.

 

Die Siedlung von Jiroft wurde im Jahre 2002 zufällig entdeckt, als bekannt wurde, dass Einheimische viele illegale Ausgrabungen in der Region durchgeführt hatten. Fünf wissenschaftliche Ausgrabungen wurden dort daraufhin unter der Leitung von Professor Yusef Majidzadeh durchgeführt, die zur Entdeckung einer Ziggurat führten, die aus vier Millionen Lehmziegel konstruiert wurde. Diese Ziggurat geht auf die Zeit um 2.200 v. Chr. zurück. Nach zahlreichen weiteren Entdeckungen in dieser Region erklärte Majidzadeh Jiroft zur Wiege der Kunst und Zivilisation und nannte den Ort den verlorenen Himmel der Archäologen. Brigadier General Abbasali Rouhi, Leiter der State Cultural Heritage Guards Unit, stellte bereits 2007 fest, dass die Einheit 8.000 trainierte Mitarbeiter und Wachpersonal bräuchte, um die historische Stätte zu bewachen und zu schützen, aber bis heute verfügt die Einheit nur über 4.000 Mann trainierten Wachpersonals.

 

Zabern

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